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pubblicato da:
Georg Mair
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Frauen: Ein akut gefährdetes Wesen. So beschreiben die Ärztin Maria Paregger und der Psychoanalytiker Claudio Risé in ihrem Buch “Le donne selvatiche" die moderne Frau. Und wissen gleichzeitig, was dagegen zu tun ist. Der Traum ist 20 Jahre her. Der Traum bildet die Grundlage für ein Buch. Maria Paregger, die damals in Bologna lebte und dabei war, ihr Medizinstudium abzuschließen, träumte von Frauen, die das Heu einbrachten. Frauen von einer großen Anziehungskraft, die einen starken Sog ausübten. Trägerinnen eines Geheimnisses. Wilde Frauen. “Salige". Oder wie immer man sie nennen mag. Seit diesem Traum sucht Maria Paregger nach den seltsamen Frauen und fand sie in den Sagen von den Saligen, Frauen, die in engem Kontakt mit der Natur stehen. Die ein Geheimnis in sich verschließen, das ihnen niemand entreißen kann. Und wenn es jemand versucht, ziehen sich diese Frauen zurück. Manchmal kann es vorkommen, dass man sie nie wieder sieht. Nach fast 20 Jahren ist aus dem Traum ein Buch geworden - “Donne selvatiche, forza e mistero del femminile", das Maria Paregger zusammen mit ihrem Lebenspartner Claudio Risé geschrieben hat. Eine spannende Zweisamkeit, der Psychoanalytiker und streitbare Zeitgenosse auf der einen - der aufgrund seiner unkonventionellen Ansichten vor allem den Linken und Gutmenschen missfällt; die praktische Ärztin mit Ausbildung in Homöopathie und anthroposophischer Heilkunde auf der anderen Seite. Reizfigur Risé. Claudio Risé arbeitet in Mailand, Maria Paregger hat ihre Praxis in Bozen. Gemeinsame Mitte für Arbeit und Leben ist ihr Haus in Unterinn, das sie zusammen mit ihrem zehnjährigen Sohn Bertrand bewohnen, und das durch seine Architektur aus dem alpenländischen Balkonland heraussticht. Im ersten Stock des Hauses haben beide ihr Arbeitszimmer, in einer Höhlenlandschaft, in die Claudio Risé seine Bücher gestellt hat. Er arbeitet unter anderem für die Frauenbeilage des “Corriere della Sera" und ist aus Anlass des Nato-Intervention im Kosovo durch seine politisch “unkorrekten" Ansichten zum Krieg gegen Serbien aufgefallen. Erst jüngst unterschob ihm Gad Lerner in seiner Talkshow für “La 7" ein Zitat über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Der Satz stammte von einem anderen. Immerhin: Risé war wichtig genug für eine Attacke. Maria Paregger, die für das Buch den Vornamen “Moidi" gewählt hat, sagt über die Auseinandersetzung mit den Traumfrauen: “Vielleicht haben sie mich wieder zurück nach Südtirol geführt." Von Bologna über Basel nach Südtirol. Allein in Unterinn fand sie fünf dieser starken Frauen, die ihre Energie verschwenden, die kein Kalkül und kein Maß kennen. Als Maria Paregger sich in der Schweiz in anthroposophischer Medizin ausbilden ließ, unterbreitete sie ihren Traum einem Psychoanalytiker. Er riet von einer Beschäftigung mit dieser Figur ab. Die wilde Frau sei eine Figur, immer in Bewegung und gar nicht “die klassische Frau, die man heiratet". Claudio Risé bestärkte sie in der Suche und Maria Paregger suchte weiter. Sie fand die Frauen tief versteckt in den Bibliotheken, in vielen Büchern, die heute nicht mehr nachgedruckt werden. “Schade", dass diese Sagen heute nicht mehr allen zugänglich sind", sagt sie, “und dass sie auch den Kindern in der Schule nicht mehr erzählt werden." Sie sammelte die Sagen und übersetzte sie für ihren Mann. “Für ihn und für mich natürlich", korrigiert sie. Die “wilden Frauen", die Maria Paregger fand, trafen auf die Diagnose, die Claudio Risé vor zehn Jahren über den Zustand des modernen Mannes abgegeben hatte: “Il maschio selvatico". Das Buch - bei Red erschienen - befindet sich inzwischen in der zehnten Auflage und sorgt noch immer für Debatten, vor allem im Internet. In diesem Text skizzierte Risé den Mann als verwirrtes Wesen, das seine Identität und seine Instinkte verloren hat, das ohne Bewusstsein von sich selber durch das Leben taumelt. “Der Mann", sagt Risé heute, “war damals ein Trauerfall." So wie die Frau heute ist die These von “Donne selvatiche". Inzwischen habe sich die Lage der Männer gebessert: “Das zeigt allein die steigende Zahl der Väter, die das Sorgerecht für ihre Kinder beanspruchen." Claudio Risé stemmt sich gegen die Gesellschaft, in der alles öffentlich wird, in der Frauen wie Männer im Fernsehen ihre Gefühle ausbreiten, ohne Scham. “Die Showgesellschaft", sagt Claudio Risé, “bedingt eine unendliche Reihe von seelischen Krankheiten." Im Hause Risé/Paregger gibt es keinen Fernseher. Schreiben macht jung. “Das Buch ist ein Projekt", sagen die beiden, “das so lange dauert wie unsere Beziehung." Das Buch drängte immer mehr zur Veröffentlichung. Im vergangenen Jahr haben sie geschrieben und diskutiert, diskutiert und geschrieben. “Es war eine unglaublich schöne Zeit, es war sehr aufregend." Jung schauen die beiden aus, ein Buch schreiben scheint die Sinne zu beleben. Natürlich haben sie eine Botschaft, und die ist eigentlich einfach. “Donne andate nel bosco." Immer wieder variiert das Buch nur eine Formel: Frauen lasst euch von der Schönheits- und Kosmetikindustrie nicht knechten. “Donne selvatiche" ist eine Mahnung, manchmal schon eine Predigt. Es hat jenen Ton, jenen “heiligen" Ton, den diese Bücher - nennen wir sie die “Instinktliteratur" - sehr oft haben. Aber es formuliert eine Wahrheit. Dass wir mit dem Kopf, mit dem Verstand, gegen eine Wand rennen, nicht mehr weiterkommen. Das Buch ist erfolgreich, die erste Auflage von 6.500 Stück ist schon verkauft, die zweite Auflage gerade gedruckt. Der Autor durfte das Buch in der Maurizio-Costanzo-Show in die Kamera halten, jede Woche sind Claudio Risé und Moidi Paregger eingeladen, das Werk vorzustellen. Die Instinkte.“Jede Frau", sagt Maria Paregger, “trägt diese Wilde in sich." Und jeder Mann, sagt Claudio Risé. Das Buch ist kein Manifest des Feminismus. Im Gegenteil: In ihm ist auch vom Dienen die Rede. “Das Dienen", sagt Maria Paregger, “ist etwas Schönes." “Ohne Dienen", formuliert es Risé, “gibt es keine befriedigende Sexualität." “Le donne selvatiche" ist kein ideologisches Buch, es stammt von einem Paar, das von sich sagt: “Wir respektieren das Wilde im anderen." Jahrelang war ihre Beziehung auf das Reisen gegründet. Von Basel nach Mailand und umgekehrt, von Mailand nach Unterinn und umgekehrt. So geht es heute noch in genau festgelegten Abständen. Das Buch beruht auf etwas, das man nicht ganz ergründen kann – und das mag auch das Irritierende daran sein, das Unbewusste, das jede(r)in sich trägt und das weder Mann noch Frau bei sich und bei den anderen ganz erforschen können. Risé benennt die Suche nach der Tiefe so - und auf Italienisch klingt es einfach: “Ritrovamento del se’ e di se’". In sich hineinschauen, diskret, ohne es gleich der Öffentlichkeit mitzuteilen. “Immer mehr Frauen kommen zu mir", sagt Claudio Risé, “die Frauen bilden den Großteil meiner Kundschaft." Die Frauen, sagen beide, hätten sich von den männlichen Rhythmen mitreißen lassen, von falschen Erwartungen, vom Handeln in rein verstandesmäßigen Kate-gorien. “Das bedeutet den Verlust des Wissens um die Eigenheiten der Natur, den Verlust des Hausverstands." Die Frau als verunsichertes Wesen. “Die Frau ist gefährdet", sagt Claudio Risé, “die moderne Form der Neurose ist die Verleugnung der eigenen Instinkte." Den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis haben sie mithilfe der Sagenwelt aufgelöst. “Auch wir streiten", sagen sie, “meistens über die Erziehung unseres Sohnes." Die Mutter ist zu milde, der Vater zu streng. Ganz normal. Das Buch verspricht nicht schnelle Hilfe. Es ist niemandem feindlich gesinnt. Es ist für die Frauen und für den weiblichen Anteil im Mann. Und es verspricht Hoffnung: “Die wilden Männer und Frauen werden sich retten." Zusammen. Claudio Risé, der schön formulieren kann, sagt es so: “Es gibt kein weibliches Leben ohne männliches und umgekehrt, entweder wir leben zusammen oder wir gehen zusammen unter."
Claudio Risé - Moidi Paregger, Donne selvatiche. Forza e mistero del femminile. Frassinelli 2002, 195 S., 14 Euro.
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