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Männerschmerzen: Der Psychoanalytiker Claudio
Risé polemisiert gegen Scheidung,
Abtreibung und eine Erziehung ohne Regeln.
Wir sind eine verdorbene Gesellschaft. Sagt Claudio
Risé. Eine Gesellschaft, die jegliche
Beziehung zum Sakralen, zu Gott, dem Vater, abgebrochen hat. Wir haben
unsere Wurzeln abgeschnitten. Wir leben in einer Gesellschaft, in der
die Ehen wie am Fließband geschieden werden. Der Vater ist tot, schreibt
Risé (Bild), der in Unterinn am
Ritten und in Mailand lebt und sein vorletztes Buch zusammen mit seiner
Gefährtin Maria Paregger verfasst hat. Wir leben, das ist seine These,
zum ersten Mal in einer Gesellschaft, die keine Initiationsriten kennt,
in der die Frauen sich die Herrschaft über die Kinder gesichert haben.
Risés neues Buch über die Not der Väter ist eine fulminante Polemik. Man
tut dem Autor sicher nicht unrecht, wenn man ihn als konservativen
Liberalen bezeichnet, der Zäune wieder aufrichten will, die die
Gesellschaft des Konsums und die antitautoritäre Generation der 68er
eingerissen haben.
Naturgemäß ist der Autor, der die Not der Männer zu seinem Anliegen
gemacht hat („Il maschio selvatico"), in seinen Thesen äußerst
ungerecht. Das gehört zu seinem Stil. Und er ist ein
Verschwörungstheoretiker, wenn er zum Beispiel von der „fabbrica dei
divorzi" spricht, die systematisch Ehen auseinander bringt. Es liegt ein
Kern Wahrheit in seiner Streitlust: Die „vaterlose Gesellschaft" hat
Folgen, sie drückt sich in der Krankheit unserer Epoche aus, der
Neurose.
Unbedingt neu ist das alles nicht: In den letzten Jahren ist eine
Unmenge Männer- und Väterliteratur in die Buchhandlungen geschwappt.
Kinder, so
Risé, der in diesem Buch dem
Katholizismus so nahe kommt wie nie zuvor, Kinder brauchen ihre Väter:
Als Beschützer, als Korrektoren, als diejenigen, die das Kind von der
Mutter trennen und ihm damit eine unvermeidliche Wunde zufügen. Und es
damit vor Allmachtsfantasien befreien. Risé
steigt weit in die Psychoanalyse hinab - wobei ihm Jung C.G. Jung
allemal näher ist als Sigmund Freud, er bemüht Statistiken, er will
belegen, dass Kinder aus intakten Ehen besser leben als Kinder aus
Scheidungsfamilien.
Risé eckt an, er hat politisch
unkorrekte Ansichten. Was unangenehm berührt, ist der Eifer, mit dem er
gegen Feministinnen, 68er, Scheidung, Abtreibung, Aufklärung, den
Protestantismus und Trennung von Staat und Religion giftet. Der
Psychotherapeut will der Gesellschaft wieder Grenzen einziehen - Kinder
müssen wieder erzogen werden - und er hat eine Schwäche für (gezügelte)
Aggressivität, Kampf, Mythen und den „starken" Mann.
Sein neues Buch birgt Erkenntnisse, die unangenehm sind. Die
Gesellschaft, die auf den Vater verzichtet, sagt
Risé, bezahlt einen Preis: Sie wird
nicht erwachsen.
Georg Mair
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