Verlorene Väter

di Georg Mair

Da FF/Bolzano
 

 

Männerschmerzen: Der Psychoanalytiker Claudio Risé polemisiert gegen Scheidung, Abtreibung und eine Erziehung ohne Regeln.
Wir sind eine verdorbene Gesellschaft. Sagt Claudio Risé. Eine Gesellschaft, die jegliche Beziehung zum Sakralen, zu Gott, dem Vater, abgebrochen hat. Wir haben unsere Wurzeln abgeschnitten. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Ehen wie am Fließband geschieden werden. Der Vater ist tot, schreibt Risé (Bild), der in Unterinn am Ritten und in Mailand lebt und sein vorletztes Buch zusammen mit seiner Gefährtin Maria Paregger verfasst hat. Wir leben, das ist seine These, zum ersten Mal in einer Gesellschaft, die keine Initiationsriten kennt, in der die Frauen sich die Herrschaft über die Kinder gesichert haben.
Risés neues Buch über die Not der Väter ist eine fulminante Polemik. Man tut dem Autor sicher nicht unrecht, wenn man ihn als konservativen Liberalen bezeichnet, der Zäune wieder aufrichten will, die die Gesellschaft des Konsums und die antitautoritäre Generation der 68er eingerissen haben.
Naturgemäß ist der Autor, der die Not der Männer zu seinem Anliegen gemacht hat („Il maschio selvatico"), in seinen Thesen äußerst ungerecht. Das gehört zu seinem Stil. Und er ist ein Verschwörungstheoretiker, wenn er zum Beispiel von der „fabbrica dei divorzi" spricht, die systematisch Ehen auseinander bringt. Es liegt ein Kern Wahrheit in seiner Streitlust: Die „vaterlose Gesellschaft" hat Folgen, sie drückt sich in der Krankheit unserer Epoche aus, der Neurose.
Unbedingt neu ist das alles nicht: In den letzten Jahren ist eine Unmenge Männer- und Väterliteratur in die Buchhandlungen geschwappt.
Kinder, so
Risé, der in diesem Buch dem Katholizismus so nahe kommt wie nie zuvor, Kinder brauchen ihre Väter: Als Beschützer, als Korrektoren, als diejenigen, die das Kind von der Mutter trennen und ihm damit eine unvermeidliche Wunde zufügen. Und es damit vor Allmachtsfantasien befreien. Risé steigt weit in die Psychoanalyse hinab - wobei ihm Jung C.G. Jung allemal näher ist als Sigmund Freud, er bemüht Statistiken, er will belegen, dass Kinder aus intakten Ehen besser leben als Kinder aus Scheidungsfamilien.
Risé eckt an, er hat politisch unkorrekte Ansichten. Was unangenehm berührt, ist der Eifer, mit dem er gegen Feministinnen, 68er, Scheidung, Abtreibung, Aufklärung, den Protestantismus und Trennung von Staat und Religion giftet. Der Psychotherapeut will der Gesellschaft wieder Grenzen einziehen - Kinder müssen wieder erzogen werden - und er hat eine Schwäche für (gezügelte) Aggressivität, Kampf, Mythen und den „starken" Mann.
Sein neues Buch birgt Erkenntnisse, die unangenehm sind. Die Gesellschaft, die auf den Vater verzichtet, sagt Risé, bezahlt einen Preis: Sie wird nicht erwachsen.

Georg Mair